Pieper: "Wir brauchen endlich eine Allianz zwischen Familien- und Bildungspolitik"
BERLIN, den 20.10.2008 - Zum bevorstehenden Bildungsgipfel der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch dieser Woche fordert die Vizevorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Cornelia PIEPER:
Ich erwarte vom Bildungsgipfel eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen für eine nationale Bildungsstrategie, dessen Ergebnis verbindliche Zielvorgaben mit Bildungsstandards von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung sein müssen.
Denn wir wissen nicht nur aus internationalen Vergleichsstudien, dass in Deutschland die Leistungselite zu klein und die Zahl der Leistungsschwachen und Benachteiligten zu groß ist. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verfügt die heutige Generation der 25- bis 35-jährigen über deutlich geringere Bildungsabschlüsse als die Generation der jetzt 45- bis 55-jährigen. Dies ist ein dramatischer Nachteil auf unserem Weg von einer Industrie- zur Wissensgesellschaft.
In der Wissensgesellschaft muss lebenslanges Lernen das Paradigma der Bildung sein. Lebenslanges Lernen bedeutet, die gesamte Bildungsbiographie eines Menschen im Blick zu haben. Früher mit dem Lernen zu beginnen und dafür Sorge zu tragen, dass adäquate Lernangebote auch noch im Alter zur Verfügung stehen.
Lebenslanges Lernen heißt auch, Wissen in Bausteinen zu erwerben und kontinuierlich zu erneuern und es sich auch leisten zu können. Bildungssparen ist eine bessere Investition in eine sichere Zukunft, als Bausparen. Dafür sollte der Staat mehr Anreize schaffen als nur mit einer Weiterbildungsprämie von 154 Euro.
Wir brauchen endlich eine Allianz von Familien- und Bildungspolitik. Frühkindliche Bildung ist die Schlüsselfrage für mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit. Deswegen brauchen wir den Einstieg in die Beitragsfreiheit für Betreuung und Bildung im Vorschulalter. Ich schlage dem Bildungsgipfel vor, dass der Bund als familienpolitische Leistung den Eltern einen Betreuungs- und Bildungsgutschein ab dem ersten vollendeten Lebensjahr überreicht, den Eltern in Kindertagesstätten oder bei Tageseltern einlösen können. Es fördert die Wahlfreiheit für Eltern und die Qualität von Kinderbetreuung.
Wir brauchen eine Offensive für mehr Ganztagsangebote, und nicht nur für Bauinvestitionen. Warum ist es nicht möglich, anstatt Eltern Zuschüsse für Mittagsmahlzeiten ihrer Kinder bar auszuzahlen, dass das Bundesarbeitsministerium Gutscheine für Mahlzeiten an Schulen ausstellt?
Jeder Schüler, der versagt hat, muss eine zweite Chance für einen Abschluss bekommen. Statt Schul- und Ausbildungsabbrecher in die „Warteschleife“ der Bundesagentur abzuschieben, sollte mit Bildungsgutscheinen ein Anreiz geschaffen werden, den Schulabschluss nachzumachen.
Neue Lehrer braucht das Land, vor allem jüngere! Italien und Deutschland haben in Europa die ältesten Lehrer. Der Beruf des Lehrers und Erziehers muss aufgewertet werden. Die Lehrerausbildung muss modernisiert und internationalen Abschlüssen angepasst sein. Die Ausbildung sollte zweistufig und praxisnah verlaufen und für alle Schulformen mit einem Master enden. Voraussetzung für die Aufnahme eines Lehrerstudiums sollte mindestens ein Praktikum in einer sozialpädagogischen Einrichtung sein.
Das alles kostet mehr Geld und ist nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Bund und Ländern zu schultern. Gute Bildung kostet, schlechte Bildung kostet noch viel mehr. Deshalb fordere ich die Bundeskanzlerin und das Bundesbildungsministerium auf, es nicht bei den „Luftbuchungen“ von 6 Milliarden Euro zu belassen. Wir brauchen nicht nur mehr Bildungsinvestitionen, sondern auch den effizienten Einsatz von Bildungsausgaben.
Benjamin Franklins Worte haben wieder hohe Aktualität: Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen. (Quelle FDP)
